Liveblogging die Zweite. Freitag, dritter Tag der re:publica 08, 10 Uhr, der große Saal ist noch ziemlich leer…ist ja für die meisten Teilnehmer auch noch fast Nacht. Das Netz ist jedenfalls noch schön schnell. =)
Hier das Thena:
Video-Plattformen wie Youtube bieten Bürgern die Möglichkeit, eigene Filme im Netz bereit zu stellen. Aber ist dies die beste Wahl? Bedeuten Emanzipation und die Aneignung von Produktionsmitteln im digitalen Zeitalter nicht weitergehende Unabhängigkeit von wenigen Unternehmen? Welche Möglichkeiten und Erfahrungen gibt es bereits, unabhängige Plattformen zu betreiben? Wie kann man als unabhängiger Produzent die neuen Möglichkeiten nutzen?
Mit dabei sind: Stefan Kluge, Prof. Oliver Wrede, Don Dahlmann, Jörg Kantel, Daniel Fiene (Links kommen später noch)
So, Musik ist aus, los geht's!
Don Dahlmann leitet ein, Bürger werden durch Technik befähigt, jeder kann Sender sein, technische Hürden verschwinden.
Oliver Wrede ist Professor für interaktive Medien und irgendwie an Hobnox beteiligt. Die Hobnoxer stellen übrigens auch die Livestreams der re:publica ins Netz.
Daniel Fiene macht Was mit Medien und Jörk Kantel ist der Schockwellenreiter und quasi das "Urgestein" der deutschen Bloggerszene.
Erste Frage an Jörg Kantel: Was war dein Beweggrund die Produktionsmittel selbst in die Hand zu nehmen und zu bloggen?
Anfang 2000 sind einige zentralistische Communitysysteme zusammengebrochen und es wurde klar, dass die großen Konzerne immer mehr Kontrolle über das Netz und die Inhalte gewinnen wollten. Die Vernetzung darf nicht zentral gesteuert werden, Mikropubliszistik als Stichwort. Ich habe schon früh Zeitungen und Radio gemacht, die aber an teuren Produktionsmitteln scheiterten. Der Vertriebsweg war teuer und umständlich, und beim Radio war der Vertriebsweg zu reglementiert. Das ist im Netz nicht mehr der Fall. Wichtig ist, dass jeder es kann! Aber es soll nicht jeder müssen.
Dahlmann an Wrede: Wird die Verlagerung der Produktionsmittel überhaupt schon richtig wahrgenommen, z.B. bei Studenten?
Nein, leider noch nicht. Es gibt nur wenige die bewusst bloggen, für die eigene Reputation, Vernetzung etc. Kein Randphänomen ist jedoch die technisierung des Alltags, z.B. per Handy. (genau in dem Moment klingelt das Handy vom Schockwellenreiter =). Die Wahrnehmung ist noch nicht so groß, deswegen sind Konferenzen wie diese wichtig. Viele Leute sind aber schon Web 2.0 Rezepienten, ohne es zu wissen, weil sie sich mit dem Konzept hinter Blogs, Podcasts usw. nicht beschäftigen.
Kantel: Deswegen rede ich lieber von Mikropublizistik. Jeder Hundeverein hat eine Website. Das Netz ist kein Massenmedium, jeder kann seine Nische finden und bedienen.
Dahlmann an Fiene: Du schaust nun was es gibt und versuchst daraus etwas zu machen. Wie lange machst du das schon und wo ist die größte Resonanz?
Auf den Podcast "Was mit Medien", das läuft schon am längsten und ist etabliert. "Fernsehen" probieren wir gerade aus, weil das auch so einfach geworden ist. Eine einfache Webcam und freie Software genügt schon um einen eigenen Sender aufzubauen. Uns haben schon fast 400 Leute zugeschaut, wie wir "Gülcans Traumhochzeit" geschaut haben. Man kann schon mit einer Handykamera von Nokia was filmen und mit wenigen Sekunden Verzögerung live ins Netz streamen, also wirklich live berichten und eigene Ideen werwirklichen.
Wrede: Produktion als Arbeitsschritt fällt bei solchen Dingen ja komplett weg, es wird ja nichts mehr nachbearbeitet. Man muss den Leuten nur erst mal zeigen, dass sie die Produktionsmittel eigentlich immer dabei haben und diese sehr einfach nutzen können. Und was wird dann mit dem Material gemacht? Wer schaut sich das an? Wie stellt man seine Produktionen den Publikum zur Verfügung. In Deutschland ist das noch nicht wirklich auf der Tagesordnung, unsere Schüler und Studenten sind nicht gut darin, die Medien zu nutzen und eigene Produktionen zu machen.
Schockwellenreiter: Das liegt auch am deutschen Wissenschaftssystem, das extrem restriktiv und konservativ ist. Wir brauchen eine andere Medienkompetenz über Print und TV hinaus, und auch da gibt es noch sehr viel naivität und unwissen. Enzensberger hat ja mal gesagt, der Begriff der Medienmanipulation war ja mal ganz nützlich, ist aber falsch. Wir sind selber Medien und können Alternativen schaffen. Das emanzipatorische und partizipative Web wird sich nicht zwangsläufig durchsetzen nur weil es die Möglichkeit dazu gibt. Das haben wir an anderer Stelle ja schon öfter gesehen. RTL hat in Deutschland die größten Zugriffszahlen auf ihre Website.
Dahlmann: Die meisten Leute erkennen den Sinn der neuen Produktionsmittel leider nicht. Fernsehen hätte sich nicht durchgesetzt, wenn es nicht so einfach wäre. Knopf drücken, fertig. Das ist im Web 2.0 leider noch nicht der Fall.
Frage an Fiene: Hast du in deinem Bekanntenkreis schon Leute zum bloggen oder podcasten gebracht?
Ja, absolut. An meiner Uni haben viele Leute dann selber was ausprobiert, weil sie meinen Podcast gehört haben. Nun wissen aber viele Leute immer noch nicht, was sie sinnvolles mit den Produktionsmitteln machen sollen. Oft wird nur das Bekannte kopiert. Es muss erstmal ein Bewusstsein für die kreativen Möglichkeiten geschaffen werden und für neue Konzepte.
Wrede: Die Beherrschung des Werkzeuges ist das eine, die Wirkung des Produktes abzuschätzen und zu nutzen ist das andere. Vielen genügt es, erstmal das Werkzeug zu beherrschen, ohne auf die Inhalte zu achten. Wozu kann man das überhaupt alles gebrauchen? Die Motivation nach Alternativen zu suchen muss geweckt werden.
Schockwellenreiter: Man muss auch nicht unbedingt wissen was ein RSS-Feed ist, um im Web 2.0 unterwegs zu sein. Medienkompetenz wird leider oft mit Technikkompetenz verwechselt. Technik ist oft immer noch zu kompliziert, aber die Anwendung dieser Technik ist oft ziemlich einfach. Und darum geht es. Die Sinnhaftigkeit der Nutzung muss den Leuten klar werden, nicht wie jetzt genau der RSS-Feed aufgebaut ist.
Kurzer Einschub: Die unbequemen Stühle werden von Tag zu Tag unbequemer…
Weiter geht's:
Dahlmann: Bei der Hessenwahl wurden Blogs, Foren etc. sehr stark genutzt um politische Inhalte zu diskutieren.
Wrede: Auch bei der letzten Präsidentenwahl in den USA wurden Blogs usw. schon extrem stark genutzt, und trotzdem ist das bei der breiten Öffentlichkeit nicht angekommen. Der Durchbruch hat nicht stattgefunden. Die Produktionsmittel sind zwar da, aber die kritische Masse fehlt.
Schockwellenreiter: Das liegt aber an der Gesellschaft, die sich gerade von der Industriegesellschaft zu etwas anderem entwickelt. Der aktuelle Aufschwung am Arbeitsmarkt wird nicht mehr von der Industrie gestützt. Die Wissens- oder Informationsgesellschaft ist aber noch nicht da. Wir haben eine kleine Gruppen von Vorreitern. Was wir hier machen wird die Gesellschaft nicht verändern, aber wir machen die Begleitmusik zu einer bestehenden gesellschaftlichen Veränderung.
Fiene: Die Frage ist doch, welches Mittel setzte ich ein um was zu erreichen. An Hochschulen läfut z.B. fast alles übers Internet. Partyankündigungen, politische Aktivitäten etc. Plakate werden immer seltener.
Frage aus dem Publikum: Die ganze Verteilungsinfrastruktur ist ja zentral Kontrollierbar. Ganze IP-Bereich können gesperrt werden (siehe China etc.). Wie kann man das Problem angehen?
Wrede: Zentralistische Strukturen müssen überwunden werden. Net Neutrality muss gewahrt werden. Es darf keine Bevorzugung von Datenpaketen gewisser Services geben. Wenn die Infrastruktur in den Händen weniger großer Unternehmen bleibt, ist die Freiheit im Netz gefährdet.
Schockwellenreiter: Das ist die zweite Baustelle, wir müssen auch an dieser Stelle die Mittel in unseren Besitz bringen.
Dahlmann: Wir haben viele neue Produktionsmittel mit fast unbegrenzten Möglichkeiten, aber der Flaschenhals ist das Internet, also die Verteilung dieser Produkte.
Frage aus dem Publikum: Peer-to-peer kann zentrale Kontrolle umgehen. Über Handys funktioniert das schon.
Schockwellenreiter: Handys nutzen lediglich ein anderes Trägersignal. Das ist dem Medium erstmal egal. Aber Nachrichtentechnik ist mein schwaches Feld. Die Freifunkleute versuchen gerade, ein eigenes drahtloses Netz aufzubauen, das keiner Kontrolle unterliegt. Das ist technisch auch schon relativ leicht machbar, aber viele Leute müssen mitmachen. Wenn es nicht politisch gewollt ist, muss es genug Bürgerengagement geben.
Dahlmann: Was verändern die neuen Sender an Mediengefüge?
Wrede: Man kann ein anderes Bild von sich zeichnen. Jeder kann sein Leben vielfältiger gestalten. Da stellt sich die Frage nach dem Sinn für jeden Einzelnen. Die Erweiterung der eigenen Person ist ein ganz zentraler Faktor.
Dahlmann: Die Großen kommen inzwischen aber immer mehr in Bedrängnis und werden zum Umdenken gezwungen. Das sorgt zur Zeit aber nur für eine Verlagerung der Vereilungskanäle ins Netz. Da entsteht noch nichts kreatives.
Fiene: Zeit ist der kritische Faktor. Wer Zeit im Netz verbringt, kann nicht mehr Zeitung lesen.
Schockwellenreiter: Wir gucken falsch! Wir schauen auf Journalisten und die großen Medien, aber da passiert nichts. An anderer Stelle entstehen ganz neue Formate für kleine Zielgruppen. Wer Fernsehen für das Netz macht, kopiert doch auch nur die Großen. Davon müssen wir wegkommen.
Dieser Film wird ohne Frage eine gewaltige Kontroverse auslösen. Religiöse Toleranz hat auch ihre Grenzen, aber wird dieser Film diese Botschaft auch transportieren können?
If we're going to achieve a lasting peace in the knowledge wars, it's time to set property aside, time to start recognising that knowledge - valuable, precious, expensive knowledge - isn't owned. Can't be owned. The state should regulate our relative interests in the ephemeral realm of thought, but that regulation must be about knowledge, not a clumsy remake of the property system.
Please read the whole article "Intellectual property" is a silly euphemism, written by Cory Doctorow for The Guardian.
Die Zeit, die FAZ und viele andere Zeitungen übernehmen heute Jürgen Rüttgers Bezeichnung Subventionsheuschrecke in ihre Überschriften für Artikel über die Schließung des Bochumer Nokiawerkes.
Nicht zu unrecht, wie ich finde - allerdings drängt sich mir die Frage auf, warum der Weltmarktführer für Mobiltelefone überhaupt 88 Millionen Euro Subventionen bekommen hat. Das Nokia sich als globale Aktiengesellschaft wohl kaum der sozialen Betriebswirtschaft verschrieben hat, war doch vorher schon klar. Und die Fälle BenQ und Motorola zeigten doch bereits, wie wenig der Standort für die Massenproduktion von Mobiltelefonen (und anderen Geräten) bedeutet. Handys kann man überall gut produzieren, und vielerorts halt günstiger als in Deutschland. Das hat zwar unschöne Auswirkungen für die Nokiamitarbeiter, ist aber offensichtliche Realität.
Protest von Gewerkschaften, Landes- und Bundesregierungen, Mitarbeitern und Betriebsräten etc. werden kaum Wirkung zeigen. Die wirkliche Macht in dieser Sache liegt beim Konsumenten. Wir alle tragen am Ende die Verantwortung für unsere Entscheidungen, und wenn mal wieder ein Handywechsel ansteht, sollte man sich doch genau überlegen, ob man mit seiner Entscheidung Nokia weiterhin unterstützen will. Es gibt noch viele andere Hersteller, und Nokia ist nur einer von vielen.
Bisher gab es - soweit ich mich erinnere - nur einen wirklich erfolgreichen Konsumentenboykott, nämlich 1995 gegen Shell im Zuge der Brent Spar Affäre. Wir alle greifen mit unseren täglichen kleinen Entscheidungen in die große und doch angeblich zu unantastbare Welt der großen Konzerne ein.
Wir müssen nur bewusster mit dieser Macht umgehen!
Mehr zum Thema bei nonokia.de
Update: Silke Hasselmann vom MDR rückt die Geschichte in eine etwas andere Perspektive:
Nun muss man die Finnen vielleicht nicht gleich dafür loben, dass sie noch so lange hier ausgehalten haben; so könnte man es nämlich auch sehen. Doch soweit ich die Sache verstanden habe, hat sich die Konzernleitung an Recht und Gesetz gehalten. Und zwar an deutsches Recht. Sie hat sich zum Beispiel die vielen Millionen Subventionseuro wohl nicht erschlichen. Im Gegenteil: Die Gesetze und Förderrichtlinien wurden von Politikern bestimmt.
Übrigens wüsste ich auch nicht, dass irgendjemand "Karawanenkapitalismus" gerufen hätte, wie jetzt Bundesfinanzminister Steinbrück, als Nokia Werke in Finnland geschlossen hatte, um in Deutschland günstiger zu produzieren. Oder als die DHL ihren Standort in Brüssel dicht- und im billigeren, weil hochsubventionierten Leipzig aufmachte. Solange dem Konzern keine kriminellen Machenschaften nachgewiesen werden können und solange Politik wie übrigens auch Gewerkschaften Standortpolitik mit viel Steuergeld, aber äußerst wenig Rücksicht auf Verluste anderenorts betreiben, sollten sie alberne Protestgesten stecken lassen. Die helfen den Nokia-Beschäftigten in Bochum am wenigsten. [Quelle: Tagesschau.de]
Ooooooooohhhhhhh. Da fühlt sich die ewig missverstandene und sowieso schon von all dem Umweltgedöns stark gebeutelte deutsche Automobilindustrie aber arg ungerecht behandelt. Jetzt sagt auf einmal der böse Onkel Dimas, dass so große, schwere und völlig überdimensionierte Töfftöffs wie sie VW, BMV, Audi etc. alle bauen auf einmal böse Umweltsünder sind. Wie gemein. Da will der böse Umweltkommissar doch tatsächlich den CO2-Ausstoss regeln und tritt natürlich mal wieder den armen Kleinen besonders auf die Füße.
Und wie sich die Kanzlerin und der Umweltminister darüber aufregen! Die böse EU macht uns auf dem großen industriellen Spielplatz unser liebstes Förmchen kaputt. Und hinterher können wir nicht mehr so schön Halbpanzer backen wie vorher. Och, mir blutet das Herz.
Und das ist der Kern des großen Übels:
Geht es nach der Kommission, müssen alle Anbieter in der EU den Ausstoß des klimaschädlichen CO2 bei ihren Flotten deutlich drücken: Neuwagen sollen demnach von 2012 an höchstens noch 120 Gramm CO2 je Kilometer in die Luft blasen. Dabei sollen bessere Motoren und andere moderne Techniken, aber auch bessere Verkehrsführung und moderne Reifen zum Zuge kommen. Kohlendioxid (CO2) ist ein gefährliches Treibhausgas, das maßgeblich für den Klimawandel verantwortlich ist.
Vor allem Hersteller großer Autos sollen beim Klimaschutz deutlich stärker in die Pflicht genommen werden als Kleinwagen- und Mittelklasse-Hersteller. Der Kommissionsvorschlag sieht vor, dass ein Fahrzeug mit dem doppelten Gewicht eines Kleinwagens nur 60 Prozent mehr CO2 ausstoßen darf. Ziel ist es, dass Neuwagen bis 2012 in der EU knapp ein Fünftel (19 Prozent) weniger CO2 ausstoßen als heute. Herstellern soll es im Konzernverbund erlaubt sein, gemeinsam den CO2-Ausstoß ihrer Flotten zu drücken. [Quelle]
Das ist aber auch ungerecht, lieber Herr Dimas. Da fordern Sie einfach so etwas, was die Kanzlerin und der Umweltminister auch ständig von allen anderen fordert, plötzlich auch von Deutschland.
Regierungssprecher Thomas Steg ergänzte, dass die deutschen Hersteller schwerer Autos es nicht schafften, die EU-Vorgaben zu erfüllen. Der Vorschlag halte sich nicht an bisherige Absprachen. Über das Thema werde nun in Brüssel zu reden sein, sagte Steg. «Für die Bundesregierung ist dieses Verhalten der EU-Kommission nicht erklärlich.»
Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) sieht deutsche Hersteller, die in den gehobenen Klasse Fahrzeuge mit hohem CO2-Ausstoß anbieten, diskriminiert. «Der Richtlinienvorschlag der EU zum CO2-Ausstoß hat nichts mit Klimaschutz zu tun, sondern ist ein Wettbewerbskrieg gegen die deutschen Autohersteller», sagte er. Der Vorschlag bevorzuge hingegen italienische und französische Autobauer.
So geht das aber nicht. Wo kommen wir denn da hin, wenn die EU plötzlich mit bösen Auflagen der schläfrigen und etwas trägen deutschen Automobilindustrie Dampf machen will. Da müssten die armen Konzerne ja plötzlich ganz anders und - welch grausame Vorstellung - ökologisch denken. Wo kommen wir denn da hin? Und vor allem wie? Mit der Bahn etwa?
Und das so knapp vor Weihnachten. Also wirklich!
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